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GÖD Chef Fritz Neugebauer im Kurier Interview



20.04.2015
Kanzler mit Kurzzeitgedächtnis - Vereinbarungen mit GÖD müssen halten


Wenn ein Bundeskanzler sich zwei Wochen nach einer Vereinbarung mit der GÖD nicht mehr an ein Verhandlungsergebnis erinnnern kann (nur um zu polemisieren) oder ein gewichtiger Bürgermeister am DIenstag mittags schon mehr gearbeitet haben möchte als ein Lehrer in einer ganzen Woche, dann ist es Zeit sich zu solidarisieren.
"GEMEINSAM SIND WIR STARK - GÖD"

Kurier Interview mit Fritz Neugebauer (Quelle: Kurier vom 19.04.2015)

K
URIER: Herr Neugebauer,
KURIER-Karikaturist Michael Pammesberger hat den Beamtenhimmel (siehe
unten) mit Privilegien wie Pragmatisierung, hohen Gehältern, zahlreichen
Zulagen, ausgedehnten Mittagspausen ausgestattet. Bringt Sie das auf
die Palme?


Fritz Neugebauer:
Als Karikatur ist alles zulässig.
Wenn die Karikatur ernst gemeint wäre, entspricht vieles nicht der
Realität. Privilegien werden uns zwar immer unterstellt. Nach dem Duden
sind Privilegien ein ungerechtfertigter Vorteil. Ich wüsste nicht, wo
das Parlament den Beamten einen nicht gerechtfertigten Vorteil zukommen
lässt.





Laut WIFO-Berechnungen sind die Krankenstände der Beamten um
sieben Prozent höher als bei Angestellten. Resultieren diese Zahlen
nicht aus dem Privileg: "Ich bin pragmatisiert, mir kann ohnehin nichts
passieren"?

Ich weiß nicht, wie das WIFO auf diese Zahlen kommt. Für mich sind
die Berechnungen der Fehlzeitenstudie des Bundeskanzleramtes maßgebend.
Hier sind die Krankenstände der Beamten und der Angestellten auf dem
gleichen Niveau. Und Sie werden wohl nicht glauben, dass der Arbeitgeber
die Krankenstandszahlen der Beamten schönfärbt. Was noch dazukommt: Die
Arbeit bleibt ja liegen. Österreich hat innerhalb der EU die geringsten
Beamten. Wir sind ohnehin so ausgedünnt, dass es sich kein Beamter
leisten kann, blauzumachen. Der Anteil der öffentlich Bediensteten an
allen Arbeitnehmern liegt in der EU bei 15 Prozent und in Österreich bei
10,7 Prozent.
Die SPÖ sieht das Beamtenleben rosiger und bringt eine alte
Forderung von zwei Stunden mehr Unterricht für Lehrer wieder aufs Tapet.
Österreichs Lehrer liegen bei den Unterrichtszeiten unter dem
OECD-Schnitt. Ist da nicht noch Luft nach oben?

Die OECD-Wertungen sind nicht vergleichbar. Richtig wäre, wenn man
sich nicht nur die Stunden im Klassenzimmer anschaut, sondern auch den
Gehalt vergleicht und wie sich die Lebensverdienstsummen gestalten. In
Bayern oder Baden-Württemberg gibt es deutlich höhere Unterrichtszeiten,
aber auch deutlich höhere Bezüge. Die Forderungen von zwei Stunden mehr
Unterrichtszeit haben wir vor vier Jahren schon mit
Unterrichtsministerin Claudia Schmied diskutiert.
Claudia Schmied scheiterte an Ihrem Widerstand und war nach den Verhandlungen frustriert...

Man muss wissen, wenn man eine zehnprozentig höhere Lehrverpflichtung
fordert, verlieren auch zehn Prozent ihren Job. Das ist für eine
Gewerkschaft massiv zu hinterfragen. Dann haben die Lehrer unter
Finanzminister Josef Pröll auf 180 Millionen Euro im Jahr verzichtet,
weil sie Überstundenvergütungen etc. nicht mehr in Anspruch genommen
haben. Diese 180 Millionen sind verschwunden. Was immer wir im
öffentlichen Dienst eingespart haben, bei jedem neuen Finanzminister –
und der Wechsel passiert ja fast im Jahresrhythmus – haben wir gehört:
Wir müssen wieder von vorne anfangen.
Also Fritz Neugebauer blockiert wie immer?

Das neue Lehrerdienstrecht beinhaltete die Aufstockung der
Unterrichtszeit um zwei Stunden. Das tritt erst im Herbst in Kraft, und
schon kommt der Bundeskanzler himself und fordert flapsig zwei Stunden
mehr Unterrichtszeit. Der Kanzler war bei den Verhandlungen dabei und
hat hoffentlich kein schwaches Gedächtnis. Er muss wissen, dass wir
diese Frage bereits geklärt haben. Das da natürlich alle sauer sind,
wenn das Thema wieder angezündet wird, ist nicht verwunderlich.
Das neue Lehrerdienstrecht betrifft nur die Junglehrer.
Faymann will ja offenbar auch die älteren Lehrer länger unterrichten
lassen.
..
Das ist reiner Populismus. Stellen Sie sich vor, Sie vereinbaren
Kondition mit Ihrem Arbeitgeber, halten es schriftlich fest und eine
Woche später kommt der Chef und meint: "Wir haben zwar eine
Vereinbarung, aber ich will sie trotzdem nochmals aufreißen."
Denken Sie auch an Streik?

Wir haben eine Vereinbarungskultur und wenn wir uns mit dem
Arbeitgeber zusammenraufen, dann muss das picken. Wenn die
Kollegenschaft meint, dass ihnen massives Unrecht passiert, dann muss
man Maßnahmen setzen, die diesem Unrecht gerecht werden.
Hundert Millionen Euro sollen durch einen Solidarbeitrag der
besser verdienenden Beamten eingespart werden. Wäre das ein gangbarer
Weg für Sie?

Ich frage mich, mit wem ein Beamter solidarisch sein soll? Mit einem
Minister, der sein Geschäft nicht beherrscht? Oder ist das jetzt eine
Reichensteuer für die unteren und mittleren Einkommen? Es gibt 120
Sektionschefs mit rund 8000 Euro brutto im Monat – das ist die oberste
Führungsebene. Die Gehälter der Minister und Staatssekretäre sind da
weit höher. Hat da irgendjemand etwas von einem Solidarbeitrag gehört?
Ich nicht. Das ist ungeheuerlich. Dieser Stil, Einsparungen an die
Menschen heranzutragen, ist mehr als diskreditierend.
Sie werden als Betonkopf, als Blockierer, als Anti-Reformer
bezeichnet. In den Politiker-Rankings sind Sie stets auf den hinteren
Plätzen. Wie gehen Sie mit diesem Image um?

Gelassen. Weil es nicht stimmt. Ich kann kein netter Bursch in jede
Windrichtung sein. Bei Themen, wo wirklich Unbilliges vom öffentlichen
Dienst verlangt wird, kann ich nicht zustimmen und der Regierung grünes
Licht geben, dass sich die Steuerreform über die öffentlich Bediensteten
finanziert.
Sie gelten als beinharter Verhandler. Wie kann man Fritz Neugebauer weichklopfen?

Mit Fakten argumentieren und nicht mit emotionalen Themen. Ich kann
auch im Sinne eines Boulevardblattes agieren. Wenn man sich auf dieses
Niveau begibt, kann man zu keinem guten Ergebnis kommen. Wenn mit Fakten
argumentiert wird, Überzeugungsarbeit geleistet wird, steht am Ende bei
mir immer der Kompromiss.
Warum braucht es dann über 30 Verhandlungsrunden für das neue Lehrerdienstrecht?

Das war von der Arbeitgeberseite schlecht vorbereitet. Wie so vieles
in unserem Land. Schauen Sie sich die Verhandlungen mit den Ärzten an.
Seit 15 Jahren ist bekannt, dass das Dienstrecht geändert werden muss.
Mit den Verhandlungen wartet man, bis der Hut brennt. Da wird es dann
hektisch und es entsteht Druck. Eine vorausschauende Politik hätte das
solider und eleganter gelöst. Oder: Welche Performance ist das von der
Bildungsministerin, wenn sie plötzlich entdeckt: Hoppla! Ich kann die
Lehrergehälter nicht mehr zahlen, und sie deswegen die Mieten für die
Schulgebäude schuldig bleibt. Andererseits leistet man sich alles, was
gut und teuer ist.
Was konkret?

Die Neue Mittelschule hat vernichtende Ergebnisse, aber trotzdem hält man an dem teuren Schulmodell fest.
Verhandeln Sie besser mit einem ÖVP- oder SPÖ-Bundeskanzler?

Als Gewerkschaft ist das für mich völlig irrelevant. Ich habe mit
Wolfgang Schüssel nächtelang gestritten. Da ging es beinhart zu , sogar
bis zur Aufkündigung der Freundschaften. Mit SPÖ-Finanzministern habe
ich oft viel lockerere Gespräche geführt.
Wie schaut die andere, die private Seite des Fritz Neugebauer
aus. Stimmt es, dass Sie zwischen Verhandlungen auch gerne Klavier
spielen?

Ja, klar. Etwa wenn die Arbeitgeberseite den Stand der Verhandlungen
beraten will. Da habe ich mich im Bundeskanzleramt schon mal ans Klavier
gesetzt und Wiener Lieder oder Schlager von Udo Jürgens gespielt.
Sie sind Udo-Jürgens-Fan?

Nein, eigentlich nicht. Mir hat Stefanie Werger gefallen, weil sie
nicht nur eine hervorragende Pianistin ist, sondern auch unheimlich
sensible Texte geschrieben hat, die ans Gemüt gehen.
Machen Sie Hausmusik?
Zu Hause steht ein Pianino. Wenn ich Samstagvormittag Luft habe,
spiele ich Klavier und singe Operetten- und Opernarien. Ich bin zwar ein
nicht ausgebildeter Bariton, aber man muss sich nicht die Ohren
zuhalten, wenn ich singe.
Man liest, dass Fritz Neugebauer schon in seinen Jugendjahren
ein harter Handballer war. Haben Sie sich hier die nötige Härte
angelernt?

Ich habe am Kreis als Kreisläufer im sozialistischen Klub in
Atzgersdorf gespielt. Der Klub hat damals einen guten, rauen, harten
aber gerechten Stil gespielt. Das war genau meins.
Wie wichtig ist Ihnen Gerechtigkeit?

Ohne Gerechtigkeit geht gar nichts. Die alten Römer haben gesagt:
"Wenn du den Frieden willst, rüste für den Krieg". Aber in Wahrheit
müsste es heißen: "Wenn du den Frieden willst, schaffe Gerechtigkeit."
Auf allen Ebenen. Das ist natürlich ein mühsamer Weg.
Ist das Ihr Leitfaden als Gewerkschafter?

Es ist mehr eine Handlungsanleitung. Mein Leitfaden stammt von dem
Religionsphilosophen Martin Buber: "Alles wirkliche Leben ist
Begegnung." Man lernt aus jeder Begegnung.
Sie wurden vor Kurzem 70. Statt einer Feier gingen Sie lieber
mit der Familie auf Reisen. Sind Sie für andere Kulturen offener als
für Reformen?

Geografie war immer schon eine Leidenschaft von mir. Das Glück war,
mein Vater arbeitete bei der Bundesbahn. Damals gab es Regiekarten für
Eisenbahnbedienstete. Als 14-Jähriger bin ich am Wochenende um 15
Schilling nach Innsbruck gefahren, ging dort ins Kino und fuhr mit dem
Nachtzug wieder nach Hause. Ich konnte auch zwischen Wien und Innsbruck
jede kleine Station auswendig. Das Kursbuch war für mich ein Lesebuch.
Was war Ihr Highlight?

Es gefällt mir überall. Rückblickend ist es für mich ein Privileg,
die Welt in ihrer Vielfalt gesehen zu haben. Beeindruckend war für mich
Namibia. An der Grenze zwischen Namibia und Angola begegnete ich dem
Nomadenstamm der Himbas. Das sind Menschen, die noch im Urzustand leben.
Sie besitzen eine gewisse Gelassenheit, leben mit dem Tagesablauf. Sie
stehen um vier in der Früh auf und gehen mit Sonnenuntergang schlafen.
Das sind Dinge, die man als Europäer nicht mehr kennt.
Kann der harte Neugebauer privat butterweich sein?

Ich kann schon stark emotional werden, da stehe ich relativ schnell beim Wasser.
Das heißt, Fritz Neugebauer kann auch weinen?

Da muss die Stimmung schon sehr ans Gemüt gehen. Da kann man schon eine Träne verdrücken – das ist kein Problem.



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